Freistil - ein Symposium über Freizügigkeit

„Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit und freie Wahl seines Wohnsitzes innerhalb eines Staates“ sagt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Freizügigkeit ist aber mehr als das. Sie steckt nicht nur in politischen Dimensionen, sondern ist mitunter auch präsent in Kultur, Wissenschaft, Bildung – im ganz normalen Alltag. Doch was bedeutet diese für uns so selbstverständliche Freizügigkeit überhaupt? Wie frei ist unsere physische und geistige Bewegungsfreiheit?


Am 6. Oktober bringt GrensWerte einen Tag lang Wissenschaftler, Künstler, Computerhacker und Interessierte im Symposium „Freistil  – ein Symposium über Freizügigkeit“ im niederländischen Zwolle zusammen. Das GrensWerte-Jahresthema „Passage“ aus dem Jahr 2010 hat viele Fragen und Anregungen zu dem Thema aufgeworfen, die in dem Symposium ihre Wirkung finden.

In kontroversen Positionen und in interdisziplinären Workshops wird Freizügigkeit auf verschiedenen Gebieten näher untersucht. Deutsche und Niederländer referieren in zwei Statement-Reihen über die theoretische Seite der Freizügigkeit. Danach widmen sich Künstler in drei Workshops der praktischen Seite, in denen die Teilnehmer ihren direkten Bezug dazu testen können.

 

 

Ort: Kunst & Cultuur Overijssel // Kamperstraat 11-13 // 8011 LJ Zwolle // Telefon +31 (0)38 - 422 50 30



Eröffnung 10:00 Uhr / Ende 19:00 Uhr

 

Statements 1 - 3 (10:30 - 12:00 Uhr)

1. Oliver Breitenstein
Bildender Künstler aus Münster

Vortrag über seine Arbeit: „Raum für unkontrolliertes Leben“ – Was passiert, wenn ein unbeaufsichtigter, häuslich eingerichteter Bauwagen im öffentlichen Raum steht?
 

Raum für unkontrolliertes Leben - Quelle: Oliver Breitenstein


Was passiert, wenn ein unbeaufsichtigter, häuslich eingerichteter Bauwagen im öffentlichen Raum steht? Das Leben wird immer reglementierter, normierter und die Kontrolle immer stärker. Bleibt da noch Raum für all das, was unser Menschsein ausmacht? Der Raum für Unkontrolliertes Leben stellt diesem einen experimentellen Freiraum entgegen, der sich idealer Weise ständig reformatiert und sich selber neu definiert, ohne dass ordnend und steuernd eingegriffen wird.

Oliver Breitenstein setzt sich in seinen Arbeiten mit den Mechanismen von Zwang und Kontrolle auseinander und untersucht so die Grenzen der Freiheit, die dem Individuum in der Gesellschaft und Kunstbetrieb auferlegt werden. Er lebt und arbeitet als bildender Künstler in Münster. „Raum für unkontrolliertes Leben“ war schon zu der Eröffnung von GrensWerte im September 2010 zu erkunden.

http://www.grenswerte.eu/project/raum_fuer_unkontrolliertes_leben/de


2. Ralf Homann
Bildender Künstler und Autor aus Berlin

Mobilität ist unser Ziel! – Vortrag über den Bundesverband Schleppen und Schleusen 1998 – 2008 und die aktuelle Freizügigkeit für Flüchtlinge und Migranten
 

Mobilität ist unser Ziel - Quelle: Ralf Homann


Eine Säule, oder genauer: Ein Wachturm des EU-Grenzregimes ist die Definitionshoheit über die richtigen Wörter für den Personenverkehr. Von den Fluchthelfern des Kalten Krieges zu den Schleusern, von der Gastarbeiter-Agentur zu Schleppern. Doch es gibt auch Gegenströmungen, wie den erfundenden EU-Sprech vom human smuggler z.B. durch migration broker. Dieser innere Zaun aus Imagetransfer und Bildregime bietet der Kommunikationsguerilla ein weites Arbeitsfeld.

Der Bundesverband Schleppen und Schleusen, 1998 in München gegründet, entwickelte dazu bis 2008 eine vielfältige Praxis. Ralf Homann skizziert die zehn Jahre dieser Lobbyorganisation für Unternehmen im undokumentierten grenzüberschreitenden Reisemarkt und diskutiert, wie die Grenze von politischer und künstlerischer Aktion überschritten werden kann, um den Wachturm von innen anzusägen.

Ralf Homann ist Bildhauer und Autor. Für die Kunstbiennale manifesta 8 befasste er sich im Herbst 2010 mit dem Verhältnis von Nordafrika und Europa. Im Januar sendete der Zündfunk sein Radio-Essay „Das Gerade ist fast immer das Böse“. Ralf Homann lebt zur Zeit in Berlin.

http://www.schleuser.net


3. Steven Meijer
Klinischer Psychologe/Verhaltenstherapeut aus Deventer

Interaktiver Vortrag über Borderline: Was bedeutet die Unfähigkeit, Gefühle und Vernunft miteinander zu verbinden für unser Verhalten?

Porträt Steven Meijer - Quelle: Steven Meijer Emotionen zu sehr zu kontrollieren und zu hemmen ist problematisch. Da Gefühle unserem Verhalten eine Richtung geben und unseren kreativen Prozess beeinflussen, blockiert zu viel Hemmung diesen Prozess. Das Gegenteil kann jedoch ebenso problematisch sein: Eine deutliche Unfähigkeit, Emotionen zu kontrollieren, wie mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, führt zu chronischem impulsiven Verhalten – sogar bis zur (Selbst-) Zerstörung. Ein sinnvolles Verhalten sollte das Ergebnis der Rationalität mit emotionalen Erfahrungen sein. Dies bedeutet fähig zu sein, Emotionen mit einer gewissen Kontrolle zu erleben.

Steven Meijer aus Deventer ist klinischer Psychologe, Verhaltenstherapeut und Mitgründer von Visie, einer Praxis für kognitive Verhaltenstherapie.


 


Statements 4 – 6 (13:30 - 15:00 Uhr)

4. Michael Kurzwelly
Bildender Künstler aus dem deutsch-polnischen Słubfurt

Vortrag über seine Projekte „Nowa Amerika“ und „Słubfurt“

Słubfurt ist die erste Stadt, die je zur Hälfte in Polen und in Deutschland liegt. Sie wurde 1999 gegründet und 2000 in das Register der Europäischen Städtenamen eingetragen. Sie setzt sich zusammen aus den beiden Stadtteilen Słub und Furt, die rechts und links der Oder liegen. Mit verschiedenen allgemein bekannten Strategien wurde das Identitätsgefühl der Słubfurter gefestigt und Handlungsrahmen durch ein eigenes Grundgesetz abgesteckt.

Die ersten öffentlichen Kommunalwahlen fanden 2009 statt und seitdem kommt das Stadtparlament abwechselnd in den beiden Stadtverordnetensitzungssälen von Słub und von Furt zusammen. Seit 2010 ist Słubfurt nicht nur die Hauptstadt von Lebuser Ziemia, sondern auch von Nowa Amerika, dem neuesten Langzeitprojekt von Michael Kurzwelly und den Nowa Amerikanern.

Michael Kurzwelly lebt und arbeitet als Künstler in Frankfurt-Słubice. In vielen seiner Projekte und Aktionen beschäftigt er sich mit Wirklichkeitskonstruktionen. Seine wichtigsten Langzeitprojekte sind neben Słubfurt und Nowa Amerika „die weisse zone“ und die Gründung des „iwf: institut für weisse Zone Forschung“.

http://www.slubfurt.net; http://www.nowa-amerika.net


5. Jaana Prüss
Künstlerin/Kunstvermittlerin aus Berlin

Vortrag über künstlerische Expeditionen – eine Erweiterung des Resonanzraumes
 

Porträt Jaana Prüss - Quelle: Jaana Prüss Das Leben in einer demokratischen Gesellschaft ermöglicht insbesondere in der künstlerischen Auseinandersetzung ein hohes Maß an Freizügigkeit. In ihrem Vortrag begibt sich Jaana Prüss auf die Suche nach den Grenzfällen und zeigt Beispiele zwischen Aktivismus und Zensur im Öffentlichen.

Jaana Prüss arbeitet als interdisziplinäre Kunstvermittlerin und freie Kuratorin in Berlin. Sie war als Nachrichtenredakteurin, Grafikerin und Galeristin tätig und gründete 2005 MORGENGRÜN Kommunikation für interdisziplinäre Projekte zwischen Kunst, Kultureller Bildung und Umwelt.

http://www.morgengruen.de




6. Albert Van Der Weide
Bildender Künstler, Gastkurator GrensWerte aus Arnheim

Die Freizügigkeit in der Kunst unter dem Titel: Power [Macht]

Porträt Albert van der Weide - Quelle: Albert van der WeideDer in Arnheim lebende Bildende Künstler Albert Van Der Weide führt seine Gedanken zu Macht und den Willen darüber aus. Über dieses unbesiegbare Verlangen in uns als Individuum und als Teil der Gesellschaft dem Leben eine Form zu geben. In der Kunst spielt die Macht eine dominierende Rolle. Die zentrale Frage ist hier: Gibt es Grenzen beim Schaffen und Präsentieren von Kunst?

Für GrensWerte realisiert Van Der Weide in 2011/2012 als Gastkurator zum Jahresthema „Overhanging fruit“ (http://www.grenswerte.eu/sub/jaarthemas/de) fünf Projekte mit von ihm eingeladenen Künstlern.




Workshops (15:30 - 17:00 Uhr)

1. Ruppe Koselleck, Oliver Breitenstein, Johannes Mundinger

Bildende Künstler aus Münster/Berlin

Why don`t we do it in the road?

In und auf den Strassen Zwolles arbeiten sie mit vergänglichen Materialen und subversiven Strategien an intriganten Interventionen im öffentlichen Raum – eine praktische Einführung in die Kunst des öffentlichen „Mindfucks“, also der öffentlichen Gedankenmanipulation.

Shelter from the Storm
Temporäre Behausungen im öffentlichen Raum zu bauen, aus allem was greifbar ist – in Zeiten der Eurokrise eine Qualifikation, die der Künstler Oliver Breitenstein den Teilnehmern vermitteln möchte. Dazu werden Abfall und Bauschuttcontainer unter- und durchsucht und mit so beschafften Materialien ein Unterschlupf für die Oktobernacht gebaut. Es steht den Teilnehmern frei darin zu übernachten.

Intrigante Interventionen
Nach einer kurzen Einführung von Ruppe Koselleck in Theorie und Praxis über selbstbeauftragte, freie und intrigante Interventionen im öffentlichen Raum werden im Workshop Sticker in Form von Sammlungen und Originalen gezeigt. Praktische Übungen mit Edding, Klebefolien und Bändern werden im Anschluss verarbeitet und im öffentlichen Raum von Zwolle realisiert. Die Grenzen der semilegalen Freizügigkeit werden dabei experimentell ausgelotet.

Graffiti
Um den Teilnehmern die Möglichkeit zu eröffnen, den Stadtraum von Zwolle zu verschönern, gibt Johannes Mundinger eine Einführung in das Zeichnen von Schriftzügen, das Schneiden von Schablonen und Stickern, sowie in das Figurenzeichnen. Die Teilnehmer bekommen Tipps und Techniken zum Umgang mit der Dose vermittelt, sodass schließlich jeder sein eigens Graffiti an die Wand bringen kann.

Ruppe Koselleck ist deutscher Kozeptkünstler. Für die erste Kunststaffel von GrensWerte entwickelte er 2010 mit Iris Keizer einige künstlerische Grenzverletzungen in der EUREGIO. Oliver Breitenstein setzt sich in seinen Arbeiten mit den Mechanismen von Zwang und Kontrolle auseinander und untersucht so, die Grenzen der Freiheit die dem Individuum in der Gesellschaft und Kunstbetrieb auferlegt werden. Der Berliner Street Art Künstler Johannes Mundinger sprüht seit zehn Jahren auf Wänden und anderem. Erste Gestaltungen entstanden 1982, später folgten Ausbildung und Studium zum Designer und Illustrator imSchwarzwald, Münster und Brüssel. Seit 2011 malt er von Berlin aus, illustriert Magazine und experimentiert mit Dingen.

http://www.koselleck.de; http://www.jmundinger.de



2. Michael Kurzwelly
Bildender Künstler aus dem deutsch-polnischen Słubfurt

Freistaat EUREGIO?


Freistaat EUREGIO - Quelle: Michael Kurzwelly


Die Wirklichkeit entsteht im Kopf. Sie ist eine Konstruktion. Einer Raumumordnung geht eine Raumumdeutung voraus. Um diese Art des künstlerischen Eingriffs zu beschreiben, benutzt Kurzwelly den Begriff „Angewandte Kunst“. Er sieht sie als Beschreibung einer künstlerischen Strategie, die gesellschaftliche Probleme fokussiert, in sie eingreift und in eine andere Wirklichkeitskonstruktion umwandelt. Er entwickelt Werkzeuge, um diese neue Realität in den Köpfen anderer Menschen entstehen zu lassen. Er nimmt sich die Freiheit, gemeinsam für die deutländische bzw. holltsche Region einen neuen Raum zu konzipieren und über Schritte der Verwirklichung nachzudenken.



3. TOS CREW
Trendsportler aus Münster

Junge Leute zwischen 14 und 22 erkunden die Stadt in ihrem Parcours in anderen Dimensionen – die Wände hoch, über Zäune springen und über Bänke und Mauern fliegen. Im Parcour tauchen die Teilnehmer in die Stadt als urbanen Spielplatz ein. Kreativität der Bewegung als Selbstzweck. Es geht nicht darum von A nach B zu gehen, sondern die Strecke in athletischen Schritten dreidimensional zu erkunden. Es ist ein Gefühl der Freiheit, sich überall so schnell bewegen zu können. Mit dieser Fähigkeit betrachtet man die Welt mit ganz anderen Augen.

Weshalb man diesen Sport macht? „Man ist frei, in dem was man tut“, sagt Florian aus der TOS-Crew. „Man hat keine Regeln und kann tun und lassen was man will. Man kann die Füße auch mal nicht gestreckt haben, und es muss nicht alles perfekt geradlinig sein. Man bekommt einfach nicht genug davon und wenn das Training vorbei ist, wünscht man sich, man wäre wieder bei Kräften und könne noch zwei Stunden weiter trainieren.“


Parkour - Quelle: TOS-Crew


Erfolge in Europameisterschaften
TOS ist eine rund zehn-köpfige multikulturelle Crew, die Trendsportarten wie Tricking, Break Dance, Freerunning und Splashdiving ausübt. Die Buchstabenkombination „TOS“ stand ursprünglich für „Trickers of Steinfurt“, steht aber durch die wachsende Größe der Gruppe mittlerweile für „Training + Optimism = Success“. Mit der Lust auf neue Tanzstile und Bewegungsarten haben die Teenager vor drei Jahren ihr erstes Training begonnen. Aus verschiedenen sozialen Schichten, Herkunft und Kulturen haben sie sich in der virtuellen Welt kennengelernt und in der realen Welt zusammengetan.

Heute unterrichten die deutschen Meister im Tricking in der Kategorie Choreografie die besten Allrounder Deutschlands in den Trendsportarten. In Münster und Umgebung arbeiten sie mit Jugendlichen in Workshops und Schulprojekten. Einzelne Crewmitglieder können mit Stolz auf Erfolge bei den Europameisterschaften im Parcour und Tricking zurückblicken.

http://www.youtube.com/watch?v=wHAphh_cdbg



Präsentationen  und Abschluss (18:00 - 19:00 Uhr)

 

Anmeldung

Die Symposiumssprache (je nach Beitrag) ist Deutsch, Englisch und/oder Niederländisch. Anmeldung bei Emmy Bergsma: erbergsma@kco.nl. Von Münster wird es einen Bustransfer nach Zwolle und zurück geben (Unkostenbeitrag 12 Euro). Abfahrt am 6. Oktober, 7:15 Uhr, Bremer Platz („Busbahnhof“). Fahrkarten bei Jan-Christoph Tonigs: tonigs@muensterland.com

Ort: Kunst & Cultuur Overijssel // Kamperstraat 11-13 // 8011 LJ Zwolle // Telefon +31 (0)38 - 422 50 30

Actuele projecten

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